Milch

Milch ist älter als die Geschichte von uns Menschen, viel älter sogar. Sie ist das Ergebnis einer Schöpfung, die es erstmals in der Geschichte des Lebens ermöglichte, eigenen Nachwuchs mit einem Saft des eigenen Körpers zu ernähren. Milch ist auch mehr als nur Wasser, Zucker, Fett und Eiweiss. Milch bedeutet Leben. Alle Säugetiere und auch wir Menschen beginnen unser Leben auf dieser Erde mit einem kräftigen Schluck dieses warmen Saftes. Zum Wohl!

Milch als Lebensmittel

Unser Leben beginnt mit der Milch, und genau um diesen Stoff dreht sich so vieles auf Milchkuhalpen oder in unserer Dorfsennerei in Andeer. Die Milch ist ein Teil des Lebendigen, ihr Wesen bringt uns in das "Reich der Mütter". Mutterherden und Kuhherden sind es, die die Hirten auf den Milchkuhalpen in Graubünden hüten und betreuen. Stillende Mütter und säugende Tiere sind der Inbegriff von Ruhe und Frieden, genauso empfinden es viele Bergwanderer, wenn sie durch die Bergwelt spazieren oder auch nur Bilder sehen von deren Unberührtheit, Seltenheit und Schönheit.

Milch als Nahrungsmittel

Dem Aufbau der Milch wurde in den letzten Jahrhunderten viel Beachtung geschenkt. Wir wissen Bescheid über Fett- und Eiweissgehalte, über Milchzucker und Mineralstoffe. Dass es das Blut ist, das die notwendigen Bausteine zur Milchbildung heranführt ist uns ebenfalls geläufig wie das Bewusstsein, dass die Natur seit Jahrmillionen Stunde für Stunde, Tag für Tag und Jahr für Jahr diese Bausteine in ausgeklügelter Form so zusammensetzt, dass Leben erhalten und gefördert wird.

Milch als Heilmittel

Es gab Zeiten in der Geschichte, wo Milchprodukte wie Butter oder Molke auch als Heilmittel eingesetzt wurden. Wohltuende Molkebäder, angeboten in den bekanntesten Kurzentren im Alpenraum waren vor hundert Jahren keine Seltenheit und der Butter wurden in der Vergangenheit heilende Wirkungen nachgesagt. Was man damals einfach wusste, ohne es zu wissen, wird heute von schlauen Menschen wissenschaftlich nachgewiesen. In der Bergmilch befindet sich zum Beispiel besonders viel konjugierte Linolsäure, so die neuesten Forschungen. Diese spezielle Fettsäure soll den Cholesterinwert im Blut stabilisieren, Krebs vorbeugen, gegen Arterienverkalkung und Diabetes wirken und das Immunsystem stärken. Was werden unsere "Weisskittel" wohl als nächstes entdecken?

Milch heute

Milch wird heute als Rohstoff gesehen. Sie wird als Rohstoff produziert und wie Rohstoff behandelt. Der "moderne" Lagerplatz der Milch ist die Strasse. Noch nie in der Kulturgeschichte der Milch wurde sie so viel hin und her bewegt wie in der heutigen Zeit. Jede Bewegung der Milch bringt jedoch Qualitätseinbussen mit sich, das wissen alle. Sie verliert ihre Aufgabe als Lebensmittel und Heilmittel. Was übrig bleibt sind ihre Nährstoffe, degenerierte Bausteine, ultrahocherhitzt, tetraverpackt, austauschbar und einsetzbar, wie ich es als Mensch gern möchte. Milch wurde zum Problem, Milchüberschüsse, Milchseen, Butterberge, und alles gipfelt in der ständigen Zunahme von Milchallergien.

Alpmilch

Morgens gegen 4 Uhr aufstehen, in die dunkle Nacht stolpern, die Kühe auf der Nachtweide wecken, sie zusammen mit dem Hirtenhund Tao zum Alpstall treiben, dabei die langsame Geburt des Tages erleben, einstallen, jedes Tier hat seinen Platz, Melkzeug richten, Stallstiefel, Melkstuhl und los gehts. Der noch schläfrige Kopf ruht beim Anhandeln in der Kuhle von Gerda und die Augenlieder wollen sich schliessen, da tönt es im Stalleingang "Kaffee!" Schon der Gedanke allein erreicht vor seinen Düften meine Gehirnzellen und weckt meinen müden Geist. Mein Cappuccino ist schnell bereitet, ich bin zum zweiten Mal erwacht heute morgen und nach dem Kaffee, der mich erst richtig funktionieren lässt, melke ich mir noch eine Tasse Milch, süss ist sie , noch viel süsser nach dem bitteren Kaffee und vollmundig, einfach gut. Das ist Alpmilch, ein Gedicht, ein Erwachen, nicht mehr und nicht weniger.


Anmeldung